Friday, August 04, 2006

"zinserhöhung schlimmer wie terror von al kaida"

das ist bisher das härtest zitat was ich bisher im zusammenhang mit dem immoboom gelesen habe.

http://www.handelsblatt.com/news/default.aspx?_p=200051&_t=ft&_b=1117085


HANDELSBLATT, Freitag, 4. August 2006, 09:46 Uhr

Australien
Die Angst in den Vorstädten

Von Urs Wälterlin
Seit über zehn Jahren erlebt Australien einen historisch einzigartigen Wirtschaftsboom, und die Wachstumsorgie der Vorstädte ist sein stärkstes Symptom. Doch nun droht die Immobilienblase zu platzen, die zu einer Spaltung des Mittelstandes geführt hat. Für viele Australier scheint eine Zinserhöhung schlimmer zu sein als ein El-Kaida-Anschlag


SYDNEY.

Bis vor ein paar Jahren war die Drei-Stunden-Fahrt auf dem Hume High-way von Sydney nach Canberra wie eine Ferienreise. Kaum aus der Stadt, verlor sich der Blick auf lieblichen Wiesen, auf denen Schafe und Kühe weideten. Dann kam der Bauboom.

Wo noch vor kurzem Schmeißfliegen über Kuhfladen tanzten, stehen heute Vororte, die sich in die Landschaft fressen wie Metastasen eines rasant wuchernden Karzinoms. Begnügten sich Australier früher mit einem simplen Häuschen mit fließendem Wasser, bauen sie heute Miniaturschlösser in den neuen „Suburbs“ von Sydney, Brisbane oder Melbourne – eines mächtiger als das andere.

In 30 Jahren hat sich die Wohnfläche eines durchschnittlichen Hauses in Australien verdreifacht. 400 Quadratmeter große Paläste mit Küchen aus Marmor, Fernsehraum und Badezimmern mit vergoldeten Wasserhähnen werden zur Norm. (ähnlich in den usa)

Seit über zehn Jahren erlebt Australien einen historisch einzigartigen Wirtschaftsboom, und die Wachstumsorgie der Vorstädte ist sein stärkstes Symptom. Mühelos hat Australien alle weltwirtschaftlichen Krisen weggesteckt: Asiens Finanzkrise, den 11. September 2001, die SARS-Epidemie, hohe Ölpreise. Viele Bürger lebten über ihre Verhältnisse, weil sie es sich leisten konnten.

Nun ist der Konsumrausch gefährdet. Australiens Notenbank hat zum zweiten Mal in zwei Monaten die Leitzinsen erhöht. Nun fürchten Tausende Australier, bald ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen zu können. Die Blase droht zu platzen in einem Land, in dem der Boom die sozialen Sitten rauer gemacht hat.

Penny Green eilt durch das Macarthur Shopping Centre, an der Rechten den vierjährigen Charles, an der Linken die dreijährige Jessica. Das Einkaufszentrum in Campbelltown südlich von Sydney ist so voll, dass sie kaum durchkommt.

Die gigantische Anlage am Stadtrand ist eingebettet zwischen Neubausiedlungen. Vor einem Jahr spielten auf der anderen Straßenseite Kinder auf der Wiese. Nun stehen dort Dutzende doppelstöckiger Häuser. Penny lebt in einer ähnlichen Siedlung, fünf Autominuten entfernt.
Am Sonntag hat sie Gäste, aber sie hat kaum Zeit zum Kochen.

Sie nimmt einen langen Schritt auf die Rolltreppe, gleitet hinunter zu einem Geschäft für Küchenbedarf. Charles beginnt zu nörgeln. „Shut up, Charlie“, bellt die 26-Jährige. Einen automatischen Kochtopf will sie kaufen. Einen, der kocht, ohne dass man danebenstehen und aufpassen muss.

Am Sonntag hat sie Gäste, aber sie hat kaum Zeit zum Kochen. Zwei Väter hat Australiens Wirtschaftswunder. Da ist Chinas Wachstumsboom, der die Kohle- und Stahlexporte rasant wachsen lässt. Und da ist die Freude am Geldausgeben von Bürgern wie Penny Green. Viele Australier bauen und kaufen bis zum Geht-nicht-mehr – und leben dabei so verschwenderisch wie kaum eine andere westliche Gesellschaft.

Der Soziologe Clive Hamilton vom Australia Institute schätzt, dass pro Jahr „Essen im Wert von über fünf Milliarden australischen Dollar ungenutzt im Müll“ landet – das sind drei Milliardnen Euro. Schuhe und Kleider im Wert von über einer Milliarde Dollar würden gekauft, aber nie getragen.

Das freut zwar den Handel, karitative Organisationen aber schlagen Alarm. Denn der Kauf nicht nur von Immobilien, sondern auch von Luxusgütern und sogar von Urlaub geschieht immer öfter auf Pump. Innerhalb eines Jahrzehnts ist die Schuldenlast eines Durchschnittshaushalts auf 130 Prozent seines Einkommens gestiegen. Für jeden Dollar, der reinkommt, steht er also mit 1,30 Dollar in der Kreide. Allein die Kreditkartenschuld der 20 Millionen Australier beträgt 30 Milliarden Dollar. Dazu kommen die Hypotheken.

Deshalb wird die Erhöhung der Leitzinsen auf sechs Prozent von Hunderttausenden Australiern als größere Bedrohung empfunden als ein El-Kaida-Bombenanschlag auf das Opernhaus in Sydney. Die Zentralbank begründete ihre Entscheidung mit einem wachsenden Inflationsdruck bei einer Beinahe-Vollbeschäftigung und steigenden Spritpreisen.

Seit Mittwoch gibt es in Australiens Medien nur noch ein Thema: Dass die hohen Zinsen Tausende in den finanziellen Ruin treiben könnten. Dass die Zinserhöhung Scharen von Bürgern dazu zwingen könne, ihre Häuser zu verkaufen und der Immobilienmarkt überschwemmt würde mit „weißen Elefanten“ – überdimensionierten Luxushäusern.(in den usa mcmansions)

Wie viele australische Hausbesitzer müssen auch in Penny Greens Ehe beide Partner arbeiten, um überhaupt über die Runden zu kommen. Sie arbeitet als Zahnarztassistentin; ihr Mann Jack, gelernter Mechaniker, verkauft im ganzen Land Spezialwerkzeuge. „Anders wäre es nicht möglich, unsere Hypothek abzuzahlen“, sagt Penny. Es sei „ein gutes Gefühl“, ein eigenes Heim zu haben. Auch wenn es noch 20 Jahre lang der Bank gehöre. Oder 50.

Die steigenden Zinsen gefährden das Paradies der Greens zunehmend. „Wir haben zwei Autos, eines davon ein Audi. Der erste und lange Zeit der einzige in unserer Siedlung“, sagt sie stolz. Die Greens waren unter den Ersten, die in das neue Viertel zogen – „dann gab es plötzlich einen Rausch“. Dutzende Häuser seien innerhalb eines Jahres gebaut worden.

„Aber unseres ist immer noch eines der größten“, sagt Penny. Sie hat ihren Topf gekauft und macht Kaffeepause im Einkaufszentrum. Charlie hat einen grünen Donut bekommen. Von Jessicas Fingern leckt Penny die Reste eines rosa Donuts ab.

Die australische „Suburb“-Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert, haben Soziologen festgestellt. Waren früher „Mateship“ – Kumpelhaftigkeit – und gegenseitige Hilfe entscheidende Attribute einer sich stolz als „klassenlos” bezeichnenden Bevölkerung, nehmen heute in den Vororten Neid, Eifersucht und Habgier überhand, klagt etwa der bekannte Soziologe und Autor Hugh Mackay.

Das ist auch eine Folge der Verstädterung. Das Idyll vom Farmer mit Akubra-Hut, der mit dem Toyota seine Rinderherden im unendlichen „Outback“ abfährt, ist passé. 85 Prozent der Australier leben in den Großstädten entlang der Küste.

Besonders der urbane Immobilienboom hat zu einer Spaltung des Mittelstandes geführt. Man gehört entweder zu ihnen oder nicht – den Eigenheimbesitzern. Der dramatische Anstieg der Preise für Häuser in den vergangenen Jahren macht es für eine wachsende Zahl junger Australier schlicht unmöglich, in den Markt einzusteigen. Der Durchschnittspreis für ein Haus in einem einfachen Stadtteil von Sydney liegt bei etwa 400 000 Euro. Vor zehn Jahren hätte das Haus 150 000 Euro gekostet.

Wer nur mieten kann, findet sich zunehmend auf der untersten Stufe der sozialen Leiter wieder. Und dort bleibt er. Ein Aufstieg in eine bessere Wohngegend und damit einen gehobeneren sozialen Status, wie das früher die Norm in Australien war, ist kaum noch möglich – auch weil hohe Mieten verhindern, dass der Mieter die Anzahlung für ein Eigenheim zusammenspart.
Penny Green hat es bis zum eigenen Haus geschafft, spürt aber daheim auch die neuen Sitten. „Von den Nachbarn kenne ich eigentlich kaum jemanden. Wir kümmern uns halt wenig umeinander.“ Aber beim Rasenmähen nicke man sich zu.

jan-martin:

was für ein bericht mit dem zitat schlechthin das ich so schnell nicht vergessen werde.

denke das die aussies trotzdem besser als z.b. die amis dran sind. zum einen haben die nicht die selbstmörderischen kreditinnovationen und zum anderern haben die in der tat einen rohstoffgetriebenen wirtschaftsboom und nicht wie in de staaten einen ausschließlich bubblegetrieben "schein"aufschwung.

gruß
jan-martin

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