Wednesday, August 23, 2006

kredit ungeheuer / handelsblatt

Das Ungeheuer im Nebel
http://www.handelsblatt.com/news/Default.aspx?_p=203978&_t=ft&_b=1125120

Von Udo Rettberg
Wenn sich der Nebel lichtet, wird der Blick frei. An diese Weisheit fühlen sich Börsianer erinnert, die bei Investmententscheidungen derzeit im Nebel stochern. Dabei sieht das ökonomische Umfeld auf den ersten Blick völlig klar und wenig alarmierend aus.

Die Wirtschaft wächst, und die Unternehmen verdienen gutes Geld – in China, in den USA, in Europa, ja sogar in Deutschland. Gute Zeiten, um in die wichtigste aller Anlageklassen überhaupt – nämlich Aktien – zu investieren. So sollte man zumindest meinen.

Was jedoch so manchem Anleger Sorgenfalten auf die Stirn treibt, ist die Erkenntnis, dass es bei wirtschaftlichen Aufschwungphasen große Qualitätsunterschiede gibt. Im idealen Fall werden die Einkommen und die Gewinne in den Wirtschaftskreislauf reinvestiert. Sie bilden damit ein wesentliches Element eines dauerhaften Aufschwungs.

Im zweiten Fall – und der ist zurzeit zu beobachten – kommt es über die ungebremste Nutzung der Kreditmärkte zu einer Aufblähung von Finanzvermögen wie Aktien, Wertpapieren, Immobilien und anderen Finanztiteln. Begünstigt wird das durch eine zu lasche Geldpolitik der Notenbanken mit rekordtiefen Zinsen und ausufernder Geldmenge. Durch Kreditengagements künstlich herbeigeführte kräftige Wertsteigerungen dieser Finanzwerte dienen nicht selten als Basis für die Nutzung neuer Kreditlinien oder aber für den Einsatz von Finanzderivaten. Auf diese Weise entsteht ein gefährliches Gebilde, das kritische Beobachter in den USA als „Kredit-Ungeheuer“ bezeichnen. So mancher Anleger scheint zu erkennen, dass ein Kollaps dieses synchronisierten globalen Kreditbooms nicht mehr länger ausgeschlossen werden kann.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass nur selten auf kontrollierte Art und Weise Luft aus Finanzblasen entweicht. Diese Blasen platzen meist mit einem lauten Knall. Dass Notenbanken dieses Risiko sehen, ist an der späten (in Europa eher zögerlichen) Kehrtwende in der Geldpolitik zu erkennen. Und auch daran, dass die amerikanische Notenbank die Veröffentlichung bestimmter Daten über die Entwicklung der US-Geldmenge vor geraumer Zeit eingestellt hat.

Dass der Immobilienmarkt in bestimmten Regionen Floridas während der vergangenen Monate kollabierte, haben die Finanzmärkte fast ignoriert. In einst boomenden Landstrichen wie Naples, Boca Raton, St. Petersburg und Fort Myers werden zwischen 40 und 50 Prozent weniger Häuser und Eigentumswohnungen verkauft. Das wiederum hat einen kräftigen Preisverfall ausgelöst.

Oft zu 100 Prozent fremd-finanzierte Häuser, die im Umfeld steigender Zinsen kräftig an Wert verlieren, sind nur ein Beispiel für ungesunde Trends in der Weltwirtschaft. Und man sollte nicht meinen, dieses Phänomen sei auf die USA beschränkt. Wenn sich der Nebel erst gelichtet hat, werden das auch die Anleger sehen.

amen!

gruß
jan-martin

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